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Stiftung Wredowsche Zeichenschule Brandenburg/Havel Europe in Britain - britische Mezzotintoarbeiten nach europäischen Meisterwerken

Europe in Britain - britische Mezzotintoarbeiten nach europäischen Meisterwerken

Mezzotinto ist die italienische Bezeichnung einer – von einem Deutschen in Holland erfundenen – Tiefdrucktechnik, die bald auch britische Künstler übernahmen und im 18. Jahrhundert in so großem Umfang anwendeten, dass entsprechende Druckgrafiken schließlich auch als „in englischer Manier gefertigt“ bezeichnet wurden.
Die von dem Amateurkünstler Ludwig von Siegen im Jahr 1642 erfundene Technik unterscheidet sich vom herkömmlichen Kupferstich oder der Radierung durch die Art, in der die Druckplatte bearbeitet wird: Statt Linien in die glatte Metallfläche zu ritzen, deren Vertiefungen die Druckfarbe aufnehmen und beim Abdruck auf Papier wiedergeben, wird die Platte hier komplett aufgeraut. Mit schwarzer Farbe bestrichen, würde der Abdruck ein samtartiges, tiefes Schwarz ergeben. Helligkeitsabstufungen erreicht man, indem mit einem sogenannten Schabeisen die entsprechenden Stellen der Druckplatte mehr oder weniger stark geglättet werden. Deshalb wird die Technik im Deutschen als Schabkunst bezeichnet. Es ist die erste Flächentechnik im Tiefdruckverfahren, wegen des hohen Anteils dunkler Flächen an den Ausdrucken nannte man sie auch Schwarzkunst.
Mezzotinto-Arbeiten eignen sich auf Grund ihrer Herstellungsweise hervorragend zu einer dem 'Malerischen' sehr nahe kommenden Reproduktion von Gemälden. Auf dem boomenden britischen Kunstmarkt des 18. Jahrhunderts waren sie daher begehrte Objekte für Liebhaber. Als Vorlagen der britischen Schabkünstler dienten oftmals die Werke bekannter koninentaleuropäischer Künstler. Eine kleine Auswahl solcher Drucke aus der Wredow-Kunstsammlung soll die engen britisch-europäischen Beziehungen in der bildenden Kunst dieser Zeit veranschaulichen. | Wolfgang Rose

Literatur (jeweils mit weiterführendem Literaturverzeichnis):
Hanebutt-Benz, Eva-Maria / Fehle, Isabella: „Die also genannte Schwarze Kunst in Kupfer zu arbeiten“ Technik und Entwicklung des Mezzotintos. [Katalog zur Ausstellung im Gutenberg-Museum Mainz und Landesmuseum Mainz, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, 4. Oktober bis 29. November 2009], Berlin / München (2009)
Sors, Anne-Katrin: Die Englische Manier. Mezzotinto als Medium druckgrafischer Reproduktion und Innovation. [Katalog zur Ausstellung in der Göttinger Universitätskunstsammlung, 27. April 2014 - 01. März 2015], Göttingen 2014
Universalmuseum Joanneum Alte Galerie / Leitner-Ruhe, Karin (Hrsg.): Die schwarze Kunst. Meisterwerke der Schabkunst. Katalog zur Ausstellung der Alten Galerie 25.04. - 20.07.2014, Graz 2014

[ 27 Objects ]

Still-Life

Stillleben auf einem Tisch, mit Rosen und anderen Blumen in einer weiten, runden Glasvase, von links beleuchtet; nach Monnoyer. Mezzotinto, um 1691.
Am unteren Plattenrand bezeichnet mit „J Baptiste Monnoyer pinxit“ und „J Smith fecit & excudit.“.
Diesem Mezzotinto sieht man sein Alter von mehr als 300 Jahren durchaus an. Der hohe Verbrauch an Druckfarbe für diese Technik hat die negative Folge, dass im Laufe der Zeit eine große Menge an Farbpartikeln verloren gehen kann. Trotz dieser Mängel kann man aber hier immer noch die Vorzüge der ‚Schwarzkunst‘ deutlich erkennen: die große Skala an Helligkeitsabstufungen von tiefstem Schwarz bis zum hellsten Weiß, in einer weichen, samtartigen Struktur, wodurch sich eine plastische, malerische Wirkung ergibt.
Da John Smith selbst in Künstlerkreisen vermutlich kein seltener englischer Männername ist, wird der Verfertiger dieser Druckgrafik in seiner Heimat in der Regel mit dem Zusatz „the mezzotinter“ bezeichnet. Smith benutzte schon früh und ausgiebig die Schabtechnik als Mittel zur Reproduktion europäischer und britischer Meisterwerke, wie bei diesem Stillleben des französischen „Peintre en fleurs“ Jean Baptiste Monnoyer (dessen Porträt – natürlich als Mezzotinto – sich ebenfalls in der Wredow-Kunstsammlung befindet). | Wolfgang Rose

The Dutchess of Grafton

Porträt von Isabella Fitzroy, Herzogin von Grafton, nach Kneller. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1692.
Dreiviertelfigur, leicht nach links gewandt, auf einem Felsvorsprung sitzend, nach rechts blickend und mit dem Finger weisend. Sie ist mit einem lockeren Gewand bekleidet, ihr Haar ist zu einem Zopf geflochten, hinter ihr ragt ein Felsen auf.
Bei diesem Bild scheint es sich um eine rein britische Angelegenheit zu handeln, denn sowohl die dargestellte Person als auch der Maler des Porträts und natürlich John Smith, the mezzotinter, der es als Druckgrafik verbreitete, hatten ihren Wohnsitz auf der Insel. Der Maler Sir Godfrey Kneller jedoch, geboren als Gottfried Kniller in Lübeck und später in den britischen Adelsstand erhoben, einer der bekanntesten Porträtisten seiner Zeit, ist ein Beispiel dafür, dass nicht nur Ideen und Konzepte, sondern auch reale Personen den Ärmelkanal überquerten und zur gegenseitigen Befruchtung des britischen und kontinentaleuropäischen Kunstlebens beitrugen. | Wolfgang Rose

Petrus Alexeewitz Magnus Dominus Tzar et Magnus Dux Moscoviae

Porträt des russischen Zaren Peter I., halbe Figur in einem ovalen, mit Zweigen geschmückten Rahmen; nach Kneller. Mezzotinto, um 1698.
Der Zar trägt einen dünnen Oberlippenbart und ist in einen Harnisch gekleidet. Ein Hermelinumhang ist mit zwei großen Edelsteinen und einem Perlenband über der Brust befestigt. Außerhalb des Rahmens, liegen auf einem Podest Krone, Reichsapfel, Schwert und Zepter.
Beschriftet mit dem Bildtitel sowie „Iussu Britannicae Majestatis Godefridus Kneller Eques ad viuum Pinxit. 1697“ und „I. Smith Fecit & excudit.“
Russland, von Großbritannien aus am anderen Ende Europas gelegen, versuchte an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert sich nach Westen zu öffnen und als europäische Macht wahrgenommen zu werden. Ausdruck dafür war die so genannte Große Gesandtschaft, an der der junge Zar – zeitweise inkognito – selbst teilnahm und die durch mehrere europäische Länder bis auf die britische Insel führte. Offenbar bei dieser Gelegenheit wurde Peter I. von Godfrey Kneller porträtiert und John Smith sorgte mit seinen, nach dessen Vorlage angefertigten und selbst verlegten, Mezzotintos für eine breitere Wahrnehmung des, bis dahin weitgehend unbekannten Reichs im Osten und seines Herrschers. | Wolfgang Rose

Vulcanus & Ceres

Vulkan und Ceres, nach Jacopo Caraglio, nach Perino del Vaga (früher Tizian zugeschrieben). Mezzotinto, zweiter Zustand, 1708.
Vulkan, der Gott der Schmiedekunst, legt seine Arme um Ceres, die Göttin des Ackerbaus, die einen Ohrring trägt und Getreideähren im Haar hat. Beide sind, bis auf einen Umhang und ein loses Tuch, nackt. Im Vordergrund ein nacktes Kind und ein Hammer, neben Ceres ein Füllhorn. Im Hintergrund links eine Schmiede, rechts eine Mauer und ein Baum.
Dieses Blatt stammt aus einer berühmten Serie unter dem Titel „Die Liebe der Götter“, die John Smith in den Jahren 1708 und 1709 schuf. Er kopierte darin Motive auf bemalten ledernen Wandbehängen im sogenannten Tizian-Raum von Blenheim Palace, dem Landsitz der Familie Churchill, Dukes of Marlborough. Die Zuschreibung an Tizian ist inzwischen zweifelhaft. Die Darstellungen auf Schloss Blenheim entstanden vielmehr nach Drucken von Caraglio, die dieser wiederum nach Zeichnungen von Perino del Vaga und Rosso Fiorentino angefertigt hatte (Bartsch, Bd. 15, S. 72). Im Jahr 1861 wurden die Malereien, die John Smith als Vorlagen gedient hatten, bei einem Brand auf Blenheim zerstört.
Bereits am Beginn des 18. Jahrhunderts war also in der britischen High Society offenbar der Besitz europäischer Meisterwerke, wie eines oder gar mehrerer „Tizians“ ein wichtiges Statussymbol. Das vorliegende Mezzotinto zeugt davon. | Wolfgang Rose

George Frederick Handel

Porträt von Georg Friedrich Händel; nach Thomas Hudson. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1749.
Dreiviertelfigur von vorn, an einem Tisch sitzend und nach rechts schauend, in der Hand einige Blätter Papier haltend. Am unteren Plattenrand mit dem Bildtitel sowie Herstellungs- und Veröffentlichungsdetails beschriftet.
Händel ist wohl das prominenteste Beispiel erfolgreicher Emigration eines deutschen Künstlers nach Britannien im 18. Jahrhundert. Seine Aufnahme in den Kunst-Pantheon des Inselreichs schon zu Lebzeiten unterstreicht die Offenheit der britischen Kultur für Einflüsse vom Kontinent. Zugleich strahlte sein Werk von seinem Hauptschaffensort London weit und tief in die europäische Musik hinein.
Das Originalgemälde des selbstbewusst wirkenden Komponisten schuf der britische Maler Thomas Hudson. John Faber übrigens, der Verfertiger dieses Schabblattes, war wie Händel kein gebürtiger Brite, sondern kam als Jugendlicher mit seiner Familie aus Amsterdam nach London.
Das Original von Hudson befindet sich im Britischen Museum, London. | Wolfgang Rose

Rubens with his Wife and Child

Peter Paul Rubens mit Frau und Kind, Dreifachporträt nach einem Selbstporträt des Malers, ganze Figuren. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1740-1765.
Der Künstler steht mit seiner zweiten Frau Hélène Fourment und ihrem jungen Sohn Frans in einem Garten, Rubens, von vorn dargestellt, schaut auf seine Frau. Sie blickt den Jungen an, den sie an einer Leine führt und der zu ihr hinaufschaut. Im Hintergrund ein verzierter Torbogen und ein Springbrunnen.
Eine Darstellung der gegenseitigen Beeinflussung der britischen und kontinentaleuropäischen bildenden Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts kommt an Peter Paul Rubens nicht vorbei. Rubens war schon zu Lebzeiten legendär, nicht zuletzt durch zahlreiche Kupferstiche, die nach seinen Werken sowohl von seiner eigenen Werkstatt als auch von anderen Stechern angefertigt wurden und weit verbreitet waren. Im 18. Jahrhundert war er auch in Großbritannien bereits kanonisiert.
James McArdell arbeitete hauptsächlich nach Gemälden alter Meister. Er gehörte zu einer Reihe britischer Künstler, mit denen die Schabkunst im Vereinigten Königreich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte (Leitner-Ruhe, S. 11).
Die Vorlage für dieses Bild befand sich zum Zeitpunkt seiner Anfertigung in der berühmten Sammlung europäischer Kunst der Dukes of Marlborough im Blenheim Palace, die auch für mehrere andere Mezzotinto-Arbeiten der Wredow-Kunstsammlung als Inspirationsquelle diente.
Heute hängt das Original von Rubens im Metropolitan Museum, New York. | Wolfgang Rose

Lord John & Lord Bernard Stuart.

Lord John und Lord Bernard Stuart; Doppelporträt nach van Dyck, ganze Figuren. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1740-1765.
Die Dargestellten stehen nebeneinander an einem Sockel; Lord John – von vorn zu sehen – stützt seinen linken Arm auf den Sockel, während Lord Bernard – im Profil nach links – seinen linken Fuß auf den Sockel gestellt hat. Beide haben Mäntel über ihre Schultern geworfen.
Beschriftet mit dem Bildtitel, Herstellerangaben und einem Hinweis auf das Originalgemälde.
Hier hat McArdell das Werk eines weiteren europäischen Meisters als Vorlage seines Mezzotintos genutzt: Der flämische Maler Anthonis van Dyck, zeitweilig Mitarbeiter von Rubens, gilt als einer der wichtigsten Porträtisten des Barock, der mehrere Jahre in England lebte (wo er 1641 auch starb). Berühmt sind nicht zuletzt seine Darstellungen wichtiger Persönlichkeiten am Hof der Könige James I. und Karl I. in London sowie der englischen Aristokratie seiner Zeit. Darunter befindet sich auch das Doppelporträt der beiden jungen, offenbar sehr selbstbewussten Adeligen, das James McArdell mehr als 100 Jahre später reproduzierte. Ein Vergleich mit dem Original von van Dyck, dass sich heute in der National Gallery London befindet, lässt übrigens deutliche Unterschiede in der Gestaltung erkennen. | Wolfgang Rose

Rembrandt‘s Mother

Eine alte Frau, in einem Lehnstuhl sitzend, beim Beschneiden der Fingernägel, nach einem Gemälde, dass früher Rembrandt zugeschrieben wurde. Mezzotinto, beschrifteter (später) Zustand, 1764.
Beschriftet mit dem Bildtitel, Herstellungs- und Publikationsangaben sowie einem Hinweis auf das Originalgemälde.
Auch Rembrandt war bereits im 18. Jahrhundert ein „Klassiker“, dessen Œuvre durch die eigene Werkstatt und andere Künstler weit verbreitet und beliebt in Europa war. Das führte dazu, dass Arbeiten in Rembrandts Stil, wie die Vorlage für dieses Schabblatt, als „echte Rembrandts“ angesehen wurden.
Dieses Mezzotinto fertigte kein britischer Künstler, sondern der in Augsburg geborene und hauptsächlich in Wien lebende Johann Gottfried Haid an. Haid unternahm Mitte der 1760er Jahre, mit Unterstützung des kaiserlichen Hofes in Wien, eine Studienreise nach London. Dort arbeitete er bei John Boydell, dem bedeutendsten britischen Kunstverleger dieser Zeit, um seine Fähigkeiten in der „englischen Manier“ weiter zu vervollkommnen. Nach seiner Rückkehr aus dem „Mezzotinto-Mekka“ London gründete Haid in Wien eine Schabkunstschule, die nach seinem Tod als Spezialschule der kaiserlichen Akademie fortgeführt wurde. | Wolfgang Rose

Helena Forman, Wife of Rubens

Porträt von Susanna Fourment im Hirtenkostüm, nach links gewandt, den Betrachter anschauend; nach Rubens. Mezzotinto, 1769.
Sie trägt einen großen Hut mit Blumen und ein tief ausgeschnittenes Kleid, das ihr von ihrer linken Brust gerutscht ist, hält Blumen in der rechten Hand und einen langen Hirtenstab über der Schulter. Die Porträtierte wird heute nicht mehr als Rubens' zweite Frau Hélène, sondern als deren Schwester Susanna identifiziert.
Die Schabtechnik bot die Möglichkeit, den 'malerischen' Aspekt einer Reproduktion stärker in den Vordergrund zu rücken, wie hier von William Pether beispielhaft vorgeführt.
Das Original von Rubens befindet sich in einer Brüsseler Privatsammlung. | Wolfgang Rose

The Water Mill

Die Wassermühle, nach Hobbema. Mezzotinto und Radierung, veröffentlichter Zustand, 1769.
Eine bewaldete Landschaft mit einer Wassermühle in einiger Entfernung. Aus Richtung der Mühle fließt ein kleiner Wasserlauf scheinbar auf den Betrachter zu. Links versuchen zwei Figuren eine Kuh in das Wasser des Flüsschens zu ziehen und zu schieben.
Beschriftet mit dem Bildtitel, Herstellungs- und Publikationsangaben sowie einem Hinweis auf das Originalgemälde.
Meindert Hobbema, einer der bedeutendsten niederländischen Landschaftsmaler der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, malte zahlreiche Ansichten von Wassermühlen. Eine davon diente Richard Earlom als Vorlage, einem weiteren Künstler, mit dessen Wirken die britische Schabkunst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte (Leitner-Ruhe, S. 12).
Zwar verband Earlom in dieser Arbeit Mezzotinto und Radierung, dennoch zeigt seine Arbeit deutlich die Potenziale der Schabtechnik auch für die Landschaftsdarstellung. | Wolfgang Rose

Zwei Leoparden

Landschaft bei Nacht mit zwei Leoparden im Vordergrund, nach Rubens. Mezzotinto, Zustand vor der Veröffentlichung mit eingeritzten Herstellerangaben, um 1770.
Das Fellmuster der beiden dargestellten Großkatzen in seinem Hell-Dunkel-Spiel und weichen Glanz ist ein dankbares Motiv für die Schabtechnik.
Welches Gemälde von Rubens oder der Rubens-Werkstatt als Vorlage dieses Mezzotintos diente, konnte bisher nicht ermittelt werden. Auch über seinen Verfertiger ist nur wenig bekannt. Einige Nachrichten deuten darauf hin, dass der vergleichsweise große britische Kunstmarkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht allen Schabkünstlern ein ausreichendes Einkommen sicherte. Anscheinend aus diesem Grund emigrierte Richard Brookshaw zu Beginn der 1770er Jahre nach Frankreich, wo er u. a. mit Porträts von Mitgliedern der königlichen Familie reüssierte. Ob er jemals wieder nach England zurückkehrte, ist nicht überliefert, ebenso wie sein genauer Todeszeitpunkt. Sein Bruder George publizierte noch 1804 einige Tafeln von ihm in dem botanischen Werk „Pomona Britannica“. | Wolfgang Rose

The Misers

Der Geizhals (Der Steuereinnehmer und sein Gehilfe); nach einem Schüler von Marinus van Reymerswaele. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1770.
Innenraum mit zwei Männern, die hinter einem Tisch sitzen, auf dem sich Münzen, Geldbeutel, eine Halskette und weitere Gegenstände befinden. Der Mann links schreibt in ein Rechnungsbuch, der andere hat seinen rechten Arm auf die Schulter des Schreibenden gelegt und weist auf das Geld. An der Wand im Hintergrund links hockt ein Vogel auf einer Stange, darüber ein Wandbord mit einem Kerzenstummel und anderen Gegenständen, im Hintergrund rechts eine offene Tür.
Beschriftet mit dem Bildtitel, Herstellungs- und Publikationsangaben sowie einem Hinweis auf das Originalgemälde.
An diesem Bild lässt sich recht gut die Ambivalenz der Frage nach Original und Reproduktion in der bildenden Kunst aufzeigen. Die Renaissance-Maler Marinus van Reymerswaele und Quentin Massys, schufen im 16. Jahrhundert mehrere Arbeiten mit dem Motiv des Steuereinnehmers, die auf Vorlagen aus dem 15. Jahrhundert zurückgingen und ihrerseits von Schülern der beiden Antwerpener Meister nachgeahmt wurden.
Das Stück aus der Sammlung des britischen Königshauses, auf dem das vorliegende Mezzotinto beruht, wird heute einem Schüler van Reymerswaeles zugerechnet und nicht mehr Quentin Massys, wie es auf der Bildunterschrift heißt. Schöpfer dieser Arbeit war Richard Earlom, ein weiterer Künstler, mit dessen Wirken die britische Schabkunst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. | Wolfgang Rose

Kartenspiel im Wirtshaus

Kartenspiel im Wirtshaus, nach Teniers. Mezzotinto, Zustand vor den Angaben zum Originalgemälde, 1771.
In einem dörflichen Wirtshaus sitzen zwei Männer auf Fässern und spielen Karten. Um sie herum stehen und sitzen andere Männer, die ihnen zuschauen und Pfeifen rauchen. Der Wirt verlässt gerade den Raum mit einem leeren Krug durch eine Tür auf der linken Seite. Eine alte Frau schaut durch ein kleines Fenster auf der rechten Seite.
Auch Genrebilder vom Kontinent, wie diese ländliche Szene des flämischen Malers David Teniers fanden Liebhaber in England und wurden unter anderem durch Mezzotinto-Arbeiten weiterverbreitet. Das vorliegende Blatt schuf William Baillie, ein früherer Offizier (weshalb oft ein „Captain“ vor seinen Namen gesetzt wird) aus Irland, der als Amateur-Künstler gilt.
August Wredow erwarb das Blatt am 24. März 1873 im Auktionshaus Lepke in Berlin für 1 Reichstaler 10 Silbergroschen, wie aus einer handschriftlichen Notiz auf der Rückseite hervorgeht. | Wolfgang Rose

A dutch School

Eine holländische Schule, nach Jan Steen. Mezzotinto, Zustand mit eingekratzten Herstellungsangaben, 1772.
Der Lehrer trägt eine Brille, lehnt sich in seinen Stuhl zurück und spitzt einen Bleistift an. Seine Frau sitzt neben ihm und kontrolliert die Arbeitshefte von Kindern, die den Tisch in der Bildmitte umringen. Im Hintergrund links zanken sich Kinder, andere arbeiten an einem Tisch oder schlafen, einige schauen sich Tierbilder an.
Der als geistreicher und humorvoller Genremaler geltende Holländer Jan Steen schuf um 1670 das Gemälde, nach dem etwa 100 Jahre später die vorliegende Arbeit von Valentine Green entstand, einem weiteren bedeutenden Künstler, dessen Name für die Blütezeit des britischen Mezzotintos steht (Leitner-Ruhe, S. 12). Green publizierte ebenfalls bei John Boydell, trat aber auch selbst als Verleger auf.
Die turbulente Schulszene erfreute sich offenbar so großer Beliebtheit beim Publikum, dass 1821 von den Nachfolgern des Boydellschen Verlags, Hurst, Robinson & Co, noch einmal ein Mezzotinto gleichen Inhalts veröffentlicht wurde. Diese spätere Version schuf William Ward (1766-1826).
Das Originalgemälde von Steen befindet unter dem Titel „A School for Boys and Girls“ sich in der Scottish National Gallery in Edinburgh. | Wolfgang Rose

A Fruit Market

Ein Marktstand mit Früchten, nach Frans Snyders und Jan Boeckhorst. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1775.
Links kauft eine junge Frau Pfirsiche von einer alten Marktfrau. Nach rechts erstreckt sich ein langer Tisch mit einer großen Auswahl verschiedener Früchte. Ein Affe hängt am Rand eines Korbes, der umzukippen droht, ein kleiner Hund, im Vordergrund links, bellt. In der Mitte unter dem Bild befindet sich ein Wappen.
Am unteren Plattenrand beschriftet mit dem Titel, den Maßen des Original-Gemäldes sowie: „Snyders & Long John Pinxerunt./ Joseph Farington delint./ John Boydell excudit 1775./ Richd., Earlom Sculpsit./ In the Gallery at Houghton./ Published March 25th, 1775 by John [Wappen] Boydell Engraver, in Cheapside London.“
Die Werke niederländischer und flämischer Barock-Maler waren im 18. Jahrhundert bevorzugte Objekte der grafischen Reproduktion durch britische Künstler. Der Antwerpener Frans Snyders schuf eine Reihe von opulenten Marktbildern, darunter auch - in Zusammenarbeit mit Jan Boeckhorst (in der Bildunterschrift mit seinem Spitznamen „Long John“ genannt) - den von Richard Earlom als Mezzotinto kopierten Frucht-Stand.
Das Original-Gemälde befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg (Inventar-Nummer ГЭ-596). | Wolfgang Rose

The Flight into Egypt

Die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten; nach Murillo. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1778.
Maria sitzt auf einem Esel und hält das Christkind in ihren Armen, Josef geht neben ihr, über ihnen fliegen drei Putti.
Ein Vergleich zeigt mehrere Unterschiede zwischen Reproduktion und Original - zunächst eine Verkehrung der Seiten: Der Esel geht in dem Gemälde des Spaniers Bartolomé Esteban Murillo von links nach rechts durch das Bild, während es in Jonathan Spilsburys Mezzotinto andersherum ist. Dies hat mit dem Produktionsprozess von Druckgrafiken zu tun. Wenn die Abzeichnung des Originals, hier von George Farington durchgeführt, in der gleichen Ausrichtung erfolgt und auch so auf die Druckplatte übertragen wird (im Fall der Schabkunst also an den entsprechenden Stellen poliert), dann entsteht beim Druck ein seitenverkehrtes Abbild. Im vorliegenden Fall gibt es noch eine andere auffällige Abweichung: Während bei Murillo zwei Engel über den Fliehenden schweben, hat (wahrscheinlich) Farington noch einen dritten gezeichnet - ein schönes Beispiel dafür, dass Druckgrafiken nach den Vorlagen anderer Künstler auch einen Charakter als eigenständiges Werk besitzen.
Das Original von Murillo befindet sich im Szépművészeti Múzeum (Museum der schönen Künste) in Budapest. | Wolfgang Rose

Titian‘s Son and Nurse

Tizians Sohn und Kindermädchen; nach Tizian. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1778.
Doppelporträt, ganze Figuren. Das ältliche Kindermädchen ist von vorn dargestellt; sie trägt ein dunkles Kleid mit weißem Schultertuch und Schürze, lehnt sich leicht gegen eine Säule am linken Bildrand und reicht dem kleinen Jungen eine Traube. Dieser steht mit dem Rücken zur Betrachterin und schaut über seine Schulter, während er nach der Frucht greift. Er trägt ein Seidenkostüm.
Die vorliegende Mezzotinto-Arbeit gehört zur sogenannten „The Houghton Gallery“, einer Zusammenstellung von 162 Drucken nach Gemälden aus der Sammlung von Sir Robert Walpole (1676-1745), dessen Geburtsort und Landsitz Houghton war. Walpole gilt als erster Premierminister des Vereinigten Königreiches. Nachdem bekannt geworden war, dass seine Sammlung verkauft werden sollte, initiierte John Boydell, der an anderer Stelle bereits erwähnte Londoner Kunstverleger, ein Projekt zur Anfertigung von Reproduktionsstichen der Gemälde. John Murphy war einer von insgesamt 45 Kupferstechern die zwischen 1774 und 1778 daran beteiligt waren. Die Original-Gemälde wurden von der russischen Zarin Katharina II. erworben und befinden heute in der Eremitage in Sankt Petersburg. | Wolfgang Rose

Democritus and Protagoras

Demokrit und Protagoras, nach Salvator Rosa. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1778.
Demokrit steht vor Protagoras und schaut mit ausgestreckten Armen auf ihn herunter. Er begrüßt ihn als Philosophen, weil er sieht, wie er auf Platz sparende, „rationale“ Art ein Bündel Holz schnürt. Protagoras schaut nach oben, hält das Bündel auf einem flachen großen Stein und drückt mit seinem rechten Knie dagegen, um die einzelnen Äste zusammenzuhalten. Rechts im Hintergrund ein Baum; hinter der Felskuppe, auf der die Protagonisten platziert sind, ist ein Landschaftsausschnitt erkennbar; links zwei andere Männer, die dem Geschehen zuschauen.
Die dargestellte Szene verweist auf eine Überlieferung aus der Geschichte der klassischen griechischen Philosophie und damit auf eine der Grundlagen europäischer Kultur. Dieser Bezug war eben nicht nur für den Italiener Salvator Rosa – eine der extravagantesten Künstlerpersönlichkeiten des 17. Jahrhunderts – sondern auch für Farrington und Pether, die sein Werk reproduzierten, und für ihr (gebildetes) britisches Publikum von Bedeutung und nicht zuletzt für ihren Verleger John Boydell, der auch dieses Werk aus der „Houghton Gallery“ kopieren ließ.
Das Original von Rosa befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg. | Wolfgang Rose

Domenichino

Porträt des italienischen Malers Domenichino, Brustbild, den Betrachter anschauend; nach einem Selbstporträt. Mezzotinto, zweiter Zustand, 1778.
Der Porträtierte trägt ein dunkles Wams oder einen Mantel über einem Hemd mit großem weißen Kragen hat einen gestutzten Bart und Schnurrbart und kurzes, dunkles Haar. Er hält vor sich ein winziges Buch in der linken Hand, mit einem Finger zwischen den Seiten.
Am unteren Plattenrand bezeichnet mit den Lebensdaten von Domenichino, dem Bildtitel sowie: „Painted by Himself / Drawn and Engraved by Charles Townley Member of the Royal Academy of Painting in Florence. / From the Original Portrait in the Medici Collection“ and „Publish'd as the Act directs 1st,, March 1778, by Jean Mare Pascal Berlin"
Charles Townley hielt sich mehrere Jahre lang auf dem Kontinent auf: 1773-1776 weilte er in Rom und Florenz (weshalb er sich manchmal – wie auch auf dem vorliegenden Bild – als „Mitglied der Königlichen Akademie für Malerei in Florenz“ bezeichnete). Nach einigen Jahren in London überquerte er den Kanal noch einmal und verbrachte die Zeit von 1786 bis 1790 in Berlin und Hamburg. Der Verleger dieses Mezzotintos war der Berliner Johann Marc Pascal. | Wolfgang Rose

Incredulity of Saint Thomas

Der ungläubige Thomas; nach Caravaggio. Mezzotinto, Zustand vor dem Titel, 1783.
Der wiederauferstandene Christus steht links und fasst den Apostel Thomas am Handgelenk, während er mit der anderen Hand die Wunde in seinem Körper berührt. Hinter den beiden sind sechs weitere Jünger zu sehen.
Am unteren Plattenrand mit Produktionsdaten versehen.
Ein Gemälde von Caravaggio mit dem Titel „Der ungläubige Thomas“ befindet sich heute in der Bildergalerie im Park Sanssouci in Potsdam. Es unterscheidet sich deutlich von der hier dargestellten Situation. So fasst Thomas auf diesem Bild mit seinem Finger in die Wunde Christus‘ und hinter ihm stehen nur zwei weitere Jünger. Sollte Josiah Boydell seine Zeichnung, auf der Murphys Mezzotinto-Arbeit basiert, nach diesem Gemälde ausgeführt haben, dann hat er die Vorlage sehr frei interpretiert, indem er die Situation unmittelbar vor der von Caravaggio gemalten darstellt. Möglich ist auch, dass Boydell eine zweite Version des Themas von Caravaggio abzeichnete, die erst vor einigen Jahren in einer italienischen Privatsammlung entdeckt wurde. So enthält der veröffentlichte Zustand des Mezzotintos neben dem Titel des Werkes auch den Hinweis, dass es nach einem Original in der Sammlung von Richard Archdall angefertigt wurde. Vielleicht war es die heute in Italien befindliche Version, die später auf noch unbekanntem Weg dorthin gelangt ist. | Wolfgang Rose

A Game Market

Ein Wildbret-Marktstand; nach Frans Snyders und Jan Boeckhorst. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1783.
Am linken Bildrand steht ein junger Mann, der einen toten Pfau in den Armen hält und nach links blickt, rechts von ihm ein Tisch mit verschiedenen erlegten, zum Teil aufgebrochenen Wildtieren, ganz links schnüffelt ein Hund an einem Vogel. Am unteren Plattenrand mit Titel und Herstellungsdetails beschriftet.
Diese Arbeit ist ebenfalls Teil der von John Boydell initiierten und verlegten „Houghton Gallery“, obwohl als Vorlage für den Stich nicht das Gemälde in der Sammlung von Robert Walpole diente, sondern ein anderes, aber sehr ähnliches Bild von Snyders. Der Bildunterschrift zufolge reichte die Zeit bis zum Versand der Houghton-Sammlung an Zarin Katharina II. nach Russland nicht aus, um eine Zeichnung des dortigen Gemäldes anzufertigen. Deshalb stellte der Herzog von Newcastle, der ebenfalls im Besitz von vier Snyders-Bildern mit Marktdarstellungen war, sein nahezu identisches Exemplar des Wildbret-Standes für die Reproduktion zur Verfügung.
Das Original-Gemälde aus der Houghton-Sammlung befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg (Inventar-Nummer ГЭ-602). | Wolfgang Rose

Cleopatra, adorning the Tomb of Mark Anthony

Kleopatra, das Grabmal Mark Antons schmückend; nach Kauffmann. Mezzotinto, später Zustand, 1786.
Kleopatra legt, gramgebeugt, von rechts eine Blumengirlande über das Ende von Mark Antons Sarkophag. Vor ihr kniet eine Frau und reicht ihr weitere Blumen, während links von ihr ein Junge mit einer Fackel steht, die die Szene beleuchtet. Im halbdunklen Hintergrund rechts lehnt ein Bewaffneter auf dem Sarkophag und beobachtet das Geschehen.
Am unteren Plattenrand beschriftet mit dem Bildtitel sowie „Angelica Kauffman Pinxt. / B.B Evans Excudit / Thomas Burke fecit / Publish'd July 25.th 1786 by Benj.n Beale Evans Poultry London.“
Ein Ausflug in die römische Geschichte nach der, aus der Schweiz stammenden, berühmtesten europäischen Malerin des 18. Jahrhunderts. Angelika Kauffmann lebte zwischen 1766 und 1781 in London und war eine der beiden Frauen unter den 34 Gründungsmitgliedern der Royal Academy of Art. Sie knüpfte zahlreiche Kontakte unter anderem zu britischen Druckgrafik-Künstlern, wie William Wynne Ryland, unter dessen Herausgeberschaft die vorliegende Mezzotinto-Arbeit von Thomas Burke im Jahr 1772 erstmals erschien. Sechs Jahre später fertigte Ryland selbst nach dem gleichen Motiv einen Kupferstich in Punktiermanier an. Burkes Mezzotinto wurde noch einmal von Benjamin Beale Evans herausgegeben. Dies ist der hier vorliegende Zustand. An diesem Beispiel eines ihrer Werkes lässt sich erahnen, warum Kauffmann zu den meist kopierten Künstlern der europäischen Kunstgeschichte gehört.
Das Original von Angelica Kauffman befindet sich in den Burghley House Collections, Stamford. | Wolfgang Rose

Arise, and take the Young Child, and his Mother, and Flee into Egypt

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten; nach Murillo. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1789.
Josef steht neben dem Esel und hat einen Umhang um sich gewickelt. Maria hat Jesus auf einen Stein gelegt und hält das Ende des Wickeltuchs, auf dem er schläft, in der rechten Hand, während sie mit der anderen gestikuliert. Links stehen zwei Engel beieinander und betrachten das Kind.
Am unteren Plattenrand zweisprachig (Russisch, Englisch) beschriftet mit dem Bildtitel, einer Widmung des Stechers an Zarin Katharina II. sowie (nur in Englisch) Angaben über das Originalgemälde und die Herausgeberschaft.
Während Zar Peter I. am Ende des 17. Jahrhunderts noch als Herrscher eines nahezu unbekannten Reiches in den Westen reiste, war Russland kaum 100 Jahre später ein anerkannter Teil Europas geworden. Viele Künstler, darunter auch britische, wie James Walker, zog es in die neue russische Hauptstadt Sankt Petersburg. Walker war dort von 1784 bis 1802 als Mezzotinto-Stecher am Zarenhof beschäftigt, reiste in dieser Zeit aber mehrmals in seine Heimat, um sich in London um die Herausgabe seiner Werke, wie dem vorliegenden zu kümmern.
Walkers Mezzotinto nach einer Arbeit von Murillo ist ein eindrückliches Beispiel für die Stärke der Schabkunst bei der Wiedergabe der Stimmung des als Vorlage dienenden Gemäldes.
Das Original von Murillo befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg. | Wolfgang Rose

Castor and Pollux carrying off the Daughters of Leucippus

Castor und Pollux entführen die Töchter des Leukippos, nach Rubens. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1791.
Die Zwillinge heben die beiden nackten, sich wehrenden Frauen gewaltsam auf ihre Pferde, um sie zu entführen. Am Zügel des linken Pferdes hält sich ein geflügelter Putto fest, das andere Pferd bäumt sich hinter seinem abgesessenen Reiter auf. Im Hintergrund ist eine Hügellandschaft zu erkennen.
Valentine Green reizt hier die Möglichkeiten der Schabtechnik zur Darstellung feinster Helligkeitsabstufungen perfekt aus – die helle Haut der Frauen, die etwas dunkelere der Männer, der Pferdeleib links gegen den rechts, der nach oben allmählich dunkeler werdende Himmel.
Der in Englisch und Französisch geschriebene Bildtitel verdeutlicht, dass die führenden britischen Schabkünstler nicht allein für den heimischen, sondern für den europäischen Kunstmarkt produzierten. Gewidmet ist Greens Arbeit, die er gemeinsan mit seinem Sohn Rupert auch herausgab, dem Besitzer des Originalgemäldes, dem pfälzischen und bayerischen Kurfürsten Karl Theodor (1724-1799).
Das Original von Rubens befindet sich in der Alten Pinakothek in München. | Wolfgang Rose

Diana and her Nymphs

Diana und ihre Nymphen, nach Rubens. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1800.
Diana wird in ganzer Figur dargestellt und schreitet scheinbar auf die Betrachterin zu. Das lockige Haar der Jagdgöttin ist mit Perlen geschmückt, sie hat ein Tigerfell umgehängt und trägt einen gemusterten Riemen über der linken Schulter. Mit der linken Hand hält sie einen Speer an ihrer Hüfte, mit der rechten Hand streichelt sie einen Jagdhund, der an ihr emporspringt. Drei Nymphen und ein weiterer Jagdhund begleiten sie. Die Nymphe links wehrt einen Satyr ab, der versucht sie zu umarmen, das Gesicht eines Mannes im Profil und sein ausgestreckter Arm erscheinen am linken Bildrand.
Am unteren Plattenrand beschriftet mit Titel, Angaben zum Besitzer des Originalgemäldes und Herstellungsdetails.
Es handelt sich um eine der größten Druckgrafiken im Bestand der Wredow-Kunstsammlung - die Vorlage, nach der James Ward arbeitete, zeichnet sich aber auch durch beträchtliche Dimensionen aus: Die von Rubens und seiner Werkstatt bemalte Leinwand hat (ohne Rahmen) eine Höhe von 2,16 Meter.
Das Original befindet sich heute - nach einer bewegten Geschichte, zu der auch der Raub aus jüdischem Besitz durch deutsche Truppen während der Zweiten Weltkrieges gehört - im Cleveland Museum of Art. | Wolfgang Rose

A Spanish Girl with her Nurse

Mädchen mit Kinderfrau, nach Murillo. Mezzotinto, veröffentlichter Zustand, 1810-1839.
Ein Mädchen lehnt auf einem Fensterbrett, stützt das Kinn auf ihre rechte Hand und lächelt die Betrachterin an. Dahinter, auf der linken Bildseite, steht eine Frau (vielleicht die Kinderfrau des Mädchens) und schaut die Betrachterin ebenfalls direkt an. Mit einer Hand hat sie den Fensterladen gefasst, hinter dem sie hervorschaut. Über dem Haar trägt sie einen Schal, von dem sie sich ein Ende vor den Mund hält, um ein Lächeln zu verbergen.
Am unteren Plattenrand beschriftet mit Titel, Angaben zum Standort des Originalgemäldes sowie Herstellungs- und Veröffentlichungsdetails.
Auch dieses schöne Genrestück, das der Spanier Bartolomé Esteban Murillo wahrscheinlich zwischen 1655 und 1660 malte, ist ein dankbares Motiv für die Schabtechnik mit ihrer „samtigen Abtönung der Flächen von tiefem Schwarz bis hin zu hellem Weiß“ (Sors 2014, S. 14). Das vorliegende, um 1830 entstandene, Blatt von John Charles Bromley gehört schon in die Endphase der Blütezeit des Mezzotintos in Großbritannien. Andere, weniger aufwändige und mehr Drucke ermöglichende Techniken, wie etwa die Lithografie verdrängten im 19. Jahrhundert die Schwarzkunst und ließen sie schließlich weitgehend in Vergessenheit geraten.
Das Original von Murillo befindet sich unter dem Titel „Two Women at a Window“ in der National Gallery of Art, Washington. | Wolfgang Rose

The Woman Taken in Adultery

Christus und die Ehebrecherin; nach Rembrandt. Mezzotinto Mischtechnik, Zustand vor aller Schrift, 1835.
In der Bildmitte kniet die Frau, die Jesus von den Pharisäern im Tempel präsentiert wird (Joh. 8,1–11), in einem hellen Kleid auf den Stufen einer kleinen Treppe. Jesus steht links von ihr auf der höchsten Stufe, zusammen mit vielen anderen Personen. Oben rechts sitzt, umgeben von mehreren Personen, ein Mann auf einem erhöhten Platz zwischen gemusterten Säulen.
Das Original von Rembrandt befindet sich in der National Gallery in London.
Mit diesem Blatt endet die kleine Auswahl britischer Mezzotinto-Arbeiten nach Meisterwerken der europäischen bildenden Kunst. Mit dem Enstehungsjahr 1835 ist es eines der jüngsten aus der Wredow-Kunstsammlung. Die große Zeit der Schabkunst im Vereinigten Königreich war vorüber. Nicht vorüber war jedoch der Transfer von Ideen, Personen und materiellen Gütern – nicht nur in der Kunst – in beide Richtungen über den Ärmelkanal hinweg. Diese lange historische Erfahrung des Austauschs, der gegenseitigen Beeinflussung und der Zusammenarbeit sollte Anlass für einen optimistischen Ausblick auf die zukünftige Beziehung zwischen dem Kontinent und Britannien sein.
Und in Bezug auf die Beurteilung der gegenwärtig komplizierten Situation dieser Beziehung sei auf die Geschichte verwiesen, die der hier vorgestellten Reproduktion eines Rembrandt-Gemäldes von George Henry Phillips zu Grunde liegt. Jesus antwortet in dem Gleichnis auf die Frage, ob man die Ehebrecherin nach dem Gesetz steinigen soll (Joh. 8,7): „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ | Wolfgang Rose